Wer ist Burlesque? - Sandy Beach

"Wer ist Burlesque?"


In meinen Blog "Wer ist Burlesque?" frage ich andere Burlesque-Performer nach ihrer Geschichte, ihrer Faszination, ihrer Realität. 

 

Solange die Burlesque-Geschichten meiner Zeit lebendig sind, möchte ich sie einfangen, sie festhalten.

Gleichzeitig ist meine Idee, denen, die ihre Liebe zum Burlesque entdecken, einen Einblick in die Szene zu gewähren.

 

Und wie könnte das besser gehen, als ihnen die Menschen vorzustellen, die diese Szene ausmachen?

 

Viel Vergnügen beim Lesen!

wünscht Dia Décadence

 

 

Sandy Beach wamsganz.com
Sandy Beach wamsganz.com

"Ich wollte nie dieses Klassische, in ein Glas rein, ich wollte immer Vorband einer Rockgruppe sein!" 

 

Dieses einschlägige Zitat gehört zu Sandy Beach. Sie ist Schauspielerin und Newburlesque Performerin, Sängerin, Entertainerin, Comedien, Moderatorin und vor allem die Gründerin des aller aller ersten Burlesque-Ensembles in Deutschland: The Teaserettes

 

Als man in Deutschland im Jahr 2003/2004 noch nicht einmal wusste wie Burlesque buchstabiert wird, begannen Künstler in Berlin die Burlesque zu beleben.

 

Heutzutage gibt es einige Burlesque-Gruppen in Deutschland. 2004 gab es nur eine, The Teaserettes. Sie rocken noch heute!

Sandy Beach ist ihre Choreografin, Produzentin, Managerin und Rockgöre. 

Ich traf sie in München zum Interview, um mehr über sie als Künstlerin, über die Teaserettes und über die Anfänge der Burlesque in Deutschland zu erfahren.

 

Sandy Beach (vorne) mit The Teaserettes - Deutschlands erste Burlesque Combo - Rock`n Roll auf der Bühne
Sandy Beach (vorne) mit The Teaserettes - Deutschlands erste Burlesque Combo - Rock`n Roll auf der Bühne

 

Was ist Deine Definition von Burlesque?

 

- Für mich ist ja immer noch dieser alte Wortstamm: Burla – der Schwank sehr treffend. Es ist eine Unterhaltungsform mit erotischen Elementen. Immer mit einem Augenzwinkern.“

 

Und Sandy Beach ist Dein Bühnenname.

Warum heisst Du so?  Bist Du der „sandige Strand“?

 

Nein, nicht unbedingt, das ist total lustig, Oh mein Gott, als ich 25 Jahre war, habe ich eine Danceflor Single rausgebracht für ‚Ariola’ und da war mein Künstlername ‚Sandy Beach’.

Da habe ich gesungen und gerappt und es hiess ‚Undercover lover’.

Ich und ein Freund sind in einem berauschten Zustand auf den Namen gekommen.  Wir wollten einen total pornösen, blöden Namen und dann war es ‚Sandy Beach’.


Und dann Jahre später, als ich mit  Burlesque anfing, habe ich mir gedacht: Ach, ich habe ja schon einen Künstlernamen, nehm ich den doch einfach wieder.

Sandy wegen Sandra wie ich richtig heiße und ‚Beach’ – ‚Bitch’ – so dieses: Life’s a beach - life`s a bitch.... man kann also so schön damit spielen.

 

Sandy Beach - photo-fiction.com
Sandy Beach - photo-fiction.com

Du hast also ein Künstlerleben vor Burlesque geführt?

 

- Ich bin ja Schauspielerin seitdem ich 21 Jahre alt bin. Ich bin eigentlich durch Zufall da rein gekommen. Zwar wollte ich immer Schauspielerin werden, durfte aber nicht auf die Schauspielschule gehen, weil meine Eltern es damals nicht wollten.


Dann habe ich Make up gemacht und war Visagistin für sämtliche Zeitschriften etc. und habe auch für die Bühne geschminkt. Und so bin ich dann quasi von hinter der Bühne auf die Bühne gerutscht.

Dann habe ich direkt das Glück gehabt, gleich zwei Jahre auf Theatertour zu sein und habe danach gleich eine Fernsehshow gekriegt. Und mit 25 kam auch schon den erste Kinofilm, und das ging dann so rutschrutsch weiter. Dafür habe ich nebenbei an Theaterschulen Workshops etc. besucht, um mich da natürlich noch zu bilden, aber ich habe jetzt keine drei Jahre Schauspielschule.

 

In welchen Kinofilmen können wir Dich denn sehen?

 

- Oh Gott, da gibt`s ganz viele. ‚Rossini’, war mein erster, ‚Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit’, ‚Die Musterknaben’, zwei habe ich vor Kurzem gedreht, die kommen auch beide noch raus: zum Beispiel ‚Von glücklichen Schafen’, mit Benno Führmann. Ich dreh auch immer noch, das ist mein Hauptberuf; Schauspiel.

Und Burlesque habe ich nebenbei gemacht und kam über die Stand up Comedy dazu.


 

Sandy Beach
Sandy Beach

Wie ist das denn passiert? Von Stand up Comedy zu Burlesque?

 

Mein Bühnenpapa ist ja der Thomas Hermanns vom Quatsch Comedy Club, also der hat mich ja damals sozusagen entdeckt und mich von hinter der Bühne auf die Bühne gestellt und hat mir gleich gesagt: „Du musst jetzt auch mal Stand up machen. Es gibt zu wenige lustige Frauen.“

Und so stand ich da beim Quatsch Comedy Club auf der Bühne und fand es ganz schwer, es war Horror für mich, ich hatte so eine Angst.

Da ist Schauspiel dagegen echt ein Dreck!

Weil Stand up: Du stehst ganz alleine da und unterhältst die Leute zu, das ist ganz schwer. Irgendwann habe ich es ersteinmal schleifen lassen und fand dann da, dass Burlesque  so `ne gute Mischung ist zwischen Du darfst erotisch sein und Du darfst trotzdem lustig sein. Und so kam ich zum Burlesque.

 

Hier in München habe ich dann 2000 ‚Teaserama’ gemacht, das war so eine Nachwuchsveranstaltung von Nachwuchs Comedians. Und zwischen den Comedians wurde gestrippt. (Nicht Burlesque. Strip.) Das war so ein alter Stripteaseclub. In Giesingen in der Schwarzen Katz. Also ich hab da moderiert und Künstler gesucht für das Programm. Das lief über Jahre hier. Der Club wurde irgendwann geschlossen, ich bin nach Berlin. 

Und hab dann in Berlin, die ‚Teaserettes’, meine Burlesque Truppe gegründet. Die Teaserettes gibt es seit 2004.

Dafür habe ich mir in Berlin Ladies gesucht, um eine eigene Truppe zu starten und haben  angefangen in Berlin sowas ähnliches zu machen wie das 'Teaserama' in München war.. Nur halt mit Burlesque, nicht mehr mit reinem Strip.

Burlesque & Comedy!

 

Sandy Beach Foto: cherrymuffins-studios.com
Sandy Beach Foto: cherrymuffins-studios.com

Weißt Du noch wann Dein erster Burlesque-Auftritt war?

 

- Da war ich vier.

 

Bitte?!

 

- Wenn ich das jetzt so Revue passieren lasse, waren das alles Burlesque-Auftritte in meiner Kindheit. Ich war nämlich jedes WE bei der besten Freundin meiner Uroma, zum Kaffeekränzchen, wo ich aufgetreten bin. Ich hatte dafür Kostüme und Schmetterling und habe gesungen und getanzt und eigentlich finde ich das schon sehr Burlesque, wenn ich das jetzt mal so sagen darf.

Es waren Auftritte mit Perücken und Kleidern. Und das Bügelbrett wurde mein Surfbrett, ich war eine Surferin. Eigentlich war es so ziemlich das, was wir jetzt machen, nur, dass ich mir damals nicht kokett die Handschuhe ausgezogen habe.

 

Und dann kam 'Teaserama' im Jahr 2000, da habe ich ja nicht selber getanzt, sondern Sketche erzählt und moderiert.  

Der erste Auftritt, bei dem ich mich auch ausgezogen, der war dann so denktnach 2004 .2004 haben wir ‚The Teaserettes’ uns gegründet, geprobt, dann muss es 2005 gewesen sein. Im Tabu Tiki Room in Berlin. Das war eine richtig schöne Tiki Bar und auch der erste Laden, der unser Burlesque gezeigt hat. Das war unser festes Wohnzimmer.

 

Wie war die erste Show mit den 'Teaserettes'?  Kannst Du Dich noch daran erinnern? Ich finde immer der erste Auftritt, das erste Mal überhaupt ist schon etwas Besonderes.

 

- Der aller aller erste Teaserettes Auftritt war bei einem Poetry Slam in Berlin, Prenzlauer Berg und das schlimme war:  wir kamen da als Cowgirls raus, und hatten einen Hip Hop Song von ‚Wu Tang Clan’ ‚Gravel Pit’ und haben mit den Lassos geschwungen. Und unten im Publikum saß der Kirchentag mit T-shirts, wo draufstand 'Jesus loves you'.  Die haben uns angeguckt als wären wir der Teufel.

Wir haben uns im Backstage bepisst. Der Kirchentag hat uns zusammen geschweißt.

 

Was war Dein bester und Dein schlimmster Moment auf der Bühne?

 

- es gibt viele!

Der beste war natürlich Rock am Ring mit Bela B.,  das war unglaublich. Es waren 40.000 tausend Menschen da. Vor uns spielte Depeche Mode auf der Bühne und dann stehen wir plötzlich da, vor so vielen Menschen.

Und ich hätte mir fast in die Hose gemacht. Es war geil. Und dann lief es bei MTV rauf und runter.

Das war für mich ganz groß!

Besonders, weil ich immer gesagt habe, ich möchte mal Vorband bei einer Rockgruppe sein. Und dann war es Bela B. für den wir die Vorband waren. Der Auftritt ist auch immer noch auf Vimeo zu sehen.


Auf der After Show Party mit den Musikern habe ich mir zwar die Kniescheibe ausgekugelt, aber es war auf der Bühne trotzdem geil. Es war unglaublich.

 

Und schlechte Momente gibt es immer mal wieder, wenn Du irgendwo hin kommst und die Leute erwarten etwas komplett anderes als dann kommt.

Ich reg mich auch nicht auf, wenn der Backstage nicht sauber ist oder Sonstiges, wir haben uns schon in den schlimmsten Klos umgezogen, aber wenn dann draußen das Publikum super ist und abgeht ist mir das egal. Natürlich wenn alles dann zusammenkommt im schlimmsten Fall, dann ist es natürlich grummel

 

Wie siehst Du die Trends der Entwicklung im Bereich Burlesque?

 

- Ich bin leider nicht mehr so viel unterwegs um mir andere Performer anzusehen. Ich bin ja nur noch unterwegs, wenn ich selber auftrete. Der Trend geht schon extrem zum Glamour Burlesque im Moment. Es geht viel mehr um große Kostüme um gestellte Bodies, was ich sehr Schade finde, weil dieser New Burlesque Gedanke so ein bisschen weg ist: sei wie Du bist und lass es raus. Was mir immer sehr gut gefallen hat.


Aber ich merke aber auch, dass es anders geht; einmal im Monat sind wir ja in Berlin im Wild at Heart usere Shows, sehr freakig werden auch immer voller.. Auch das findet also sehr viel Anklang.

Also es gibt diese zwei: die Leute, die zum Glamour gehen  und dann die Leute, die sagen, heut Abend gehen wir zu den Teaserettes, da geht`s richtig ab.

Es befruchtet sich vielleicht doch auch gegenseitig.

Burlesque darf nicht stehen bleiben in den 50 ern/60ern. Ich find`s schön, wenn es auch weitergeht. Wenn es auch Rock und Punkrock und dieses sich lustig machen über etwas, Newburlesque ist. Auch kann es sich vielleicht mehr in die 90`s Richtung entwickeln. Denn  die 90er waren eine richtig dekadente selbstdarstellerische Zeit. So ein bisschen andere Sachen als das Klassische Burlesque würde ich mir wünschen. 

Ich möchte die Leute unterhalten. Und die Leute erfreuen, dass sie einfach einen guten Abend haben.  Entertainment. 

 

 

The Teaserettes: Fräulein Rot, Cherry Temple, Sandy Beach, Cheetah Bang Bang Foto: wamsganz.com
The Teaserettes: Fräulein Rot, Cherry Temple, Sandy Beach, Cheetah Bang Bang Foto: wamsganz.com


War das ein Vorteil für Dich und Euch, dass es zu der Zeit als ihr angefangen habt (2004) noch keine Szene in Deutschland gab, nach der man sich richten konnte oder, um es in Anführungsstriche zu sagen, nach der man sich richten „musste“?

 

- Ja, es war auch auf jeden Fall für uns ein Vorteil. Es war dann auch nichts auf Youtube, was man da sehen konnte. Sondern wir hatten ja Lady Ace (Burlesqueartist aus Amerika, die in der Anfangszeit die Teaserettes in einem Workshop gecoacht hat), die auch so sehr progressiv war.

Und wir haben uns danach orientiert, nach diesem Böserem, Neo-Burlesque. Eher feministisch, ich mag das Wort zwar nicht so gerne, aber es war diese: Frauenpower! Sei wie Du bist, lass die Sau raus, die Männer dürfen mal gucken aber nicht anfassen.

Aber diesen Glamour-Faktor den hatten wir erstmal gar nicht im Sinn. Wir hatten ganz ganz süße Kostümchen, haben uns aber mit Alkohol übergossen, Koks geschnupft, natürlich kein echtes, alles das gehörte eben zur Geschichte wie in so einen Sketch. Es war uns auch eben ganz wichtig so eine Geschichte zu haben und nicht immer nur uns Ausziehen. Auf der Bühne ist klar, das und das passiert uns und deswegen zieht Frau sich aus.

 

Waren die Teaserettes die erste Burlesque-Gruppe in Deutschland?

 

-Ja.

Was würdest Du einer Burlesque-Anfängerin raten? 

 

- Ich find`s gut, wenn Du gerade am Anfang eine Truppe hinter Dir hast.

Also ich hätte das alleine damals nicht gemacht. Ich bin auch eher so ein Teamworker und habe das gerne, wenn noch jemand da ist, der mich auch auffängt, wenn es nicht so gut läuft.

Und ich glaube auch, den Ladies, die unsere Workshops besuchen tut es ganz gut zu wissen, dass wir dann da sind und die anderen Ladies, die mit Burlesque beginnen.

 

 Sandy Beach unterrichtet mit den Teaserettes  ‚How to be a Showgirl in six steps’ Workshops, deutschlandweit. Dabei lernen Burlesque-Anfängerinnen in einem zwei Tages Workshop eine eigene Burlesque-Nummer zu entwerfen, einzustudieren, zu performen und sie zuletzt auf einer Bühne zu präsentieren.

 

Und wenn sie ihre ersten Auftritte ersteinmal hinter sich haben, dann geht es auch besser weiter als wenn man alleine startet. Denn dann wissen sie einfach auch, was auf sie zukommt.

Es kann schließlich passieren, dass Du Pech hast und ganz am Anfang zu irgendwem kommst und danach sagst: das will ich nie wieder machen. Und das wäre doch Schade.


Und als Anfängerin solltest Du Dich am Anfang auf gar keinen Fall auf große Kostüme und Glamour verlassen, das finde ich ganz wichtig. Sondern erst einmal an Deiner Ausstrahlung arbeiten.

Ich finde nichts schlimmer, als wenn jemand auf der Bühne steht, ein riesen Ornat an Props hat, aber nichts rüberbringt. Und das ist dann ein bisschen peinlich.

Dann denk ich mir immer: fang mal mit einem nicht ganz so aufwendigen Kostüm an und arbeite erst einmal daran das Publikum mit Deiner Ausstrahlung abzuholen. 

Ersteinmal was können und dann die großen Kostüme anschaffen!

 

Was tut man auf der Bühne, hast Du einen Tip?

 

- Sei eine Rampensau ohne Rücksicht auf Verluste.

 

Vielen Dank für das Interview Sandy Beach!



 

 

 

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