Warum Burlesque verschwand – und warum es zurückkam
Der endgültige Niedergang des klassischen Burlesque hatte einen klaren Auslöser: die sexuelle Revolution der 1960er- und 70er-Jahre. Mit der Antibabypille wurde Sexualität gesellschaftlich enttabuisiert und risikoärmer, die allgemeine Lockerung der gesellschaftlichen Haltung gegenüber Sexualität wirkte stärker als frühere Razzien und Proteste. Gleichzeitig wuchs die Pornoindustrie rasant, wodurch nackte Bilder plötzlich billig und überall verfügbar waren. Als hardcore Pornografie zunehmend legal und zugänglich wurde, verlor Burlesque seinen Reiz, die verbliebenen Theater schlossen oder zeigten stattdessen Pornofilme. Bis in die 1970er-Jahre hinein galt amerikanisches Burlesque als praktisch tot.
Die Wiederbelebung ab Mitte der 1990er hatte mehrere Ursachen. In New York startete Bürgermeister Rudy Giuliani eine „Quality of Life"-Kampagne, die gezielt Pornokinos, Peepshows und Sexshops rund um den Times Square schloss, wodurch die Adult-Entertainment-Branche aus der Innenstadt verdrängt wurde. Burlesque positionierte sich in diese Lücke hinein als die stilvollere Alternative, die im Vergleich zur inzwischen allgegenwärtigen harten Pornografie fast unschuldig wirkte. Zugleich griff eine neue Generation bewusst auf den vergleichsweise „keuschen", vintage-inspirierten Stil des Stripteases zurück, wodurch aus einer kleinen New Yorker Subkultur in Lofts und Undergroundclubs eine landesweite Bewegung wurde. Fachlich wird dieses Phänomen auch als „Retromania" beschrieben – eine Bewegung retro-orientierter Konsument:innen, die alte Stripteaseformen im Geiste der ursprünglichen Burlesque-Tradition wiederentdeckten.
Die Wiedergeburt: Von New York in die ganze Welt
Der erste eigentliche Neo-Burlesque-Club eröffnete 1994 in New York: das „Blue Angel Cabaret", gegründet von Uta Hanna, die die Kunst des Stripteases erstmals wieder mit Performance-Kunst verband. Parallel trieben Billie Madley in New York mit Revuen wie „Cinema" sowie Michelle Carr mit „The Velvet Hammer Burlesque" in Los Angeles die Wiederbelebung unabhängig voneinander voran, inspiriert von Legenden wie Sally Rand, Tempest Storm und Gypsy Rose Lee. 1998 entstand mit „Red Vixen Burlesque" eine weitere wichtige Bühne, aus der Stars wie Dirty Martini und Julie Atlas Muz hervorgingen.
Institutionell gefestigt wurde die Bewegung durch die „Miss Exotic World"-Wahl, die bereits 1991 startete, und das dazugehörige Museum Burlesque Hall of Fame, eine Gründung der ehemaligen Performerin Jennie Lee. 2001 rief Produzentin Lorelei Fuller in New Orleans mit „Tease-O-Rama" das allererste Burlesque-Festival der Revival-Ära ins Leben, zu dem sie praktisch jede bekannte Performerin einlud. Aus dieser New-Orleans-Szene ging auch die „Shim Sham Revue" von Ronnie Magri hervor, in der unter anderem Dita Von Teese auftrat. 2003 folgte das New York Burlesque Festival, gegründet von Jen Gapay gemeinsam mit den „World Famous Pontani Sisters", ein Festival, das bis heute jeden Herbst stattfindet. 2004 wurde Dirty Martini zur letzten „Miss Exotic World" in der Wüste gekrönt, bevor die Veranstaltung 2005 dauerhaft nach Las Vegas umzog.
Ab den 2000er-Jahren wurde die Bewegung endgültig international: Das Stockholm Burlesque Festival brachte die europäische Szene zusammen, 2011 folgte der Milan Burlesque Award, und ab 2012 produzierte Chaz Royal in London parallel zu den Olympischen Spielen die „World Burlesque Games", die seither jährlich stattfinden. Heute hat Burlesque feste Communitys in den USA, Kanada, Großbritannien, Australien, Frankreich, Deutschland und Japan, ergänzt durch eine wachsende „Boylesque"-Szene mit männlichen Performern.
Burlesque heute
Die Nachfrage nach Burlesque als Bühnenkunst und Event-Format nimmt seit den 2020er-Jahren spürbar zu, mit wachsendem Anteil an privaten Buchungen wie Firmenevents und Junggesellinnenabschieden neben klassischen Show-Auftritten. Jährliche Auszeichnungen wie der „Burlesque TOP 50" von 21st Century Burlesque Magazine dokumentieren bis heute, wer die internationale Szene aktiv mit gestaltet. Die Festivals dieser Kunstform vervielfältigen sich in vielen Ländern, was der wachsenden Szene geschuldet ist. Von New Orleans über New York, Stockholm und London bis nach Berlin und Düsseldorf: Burlesque hat sich von einer amerikanischen Nischenkunst zu einer weltweiten Bewegung entwickelt, die Tradition mit persönlicher Selbstermächtigung verbindet.
Lies die Teile 1 und 2 zu: Die Geschichte des Burlesque